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Tagebuch 2. Teil: Korsika-GR20

Tagebuch 1.Teil Zurück zur Tour

9.Tag

Gegen 6.30 Uhr zeigen sich ein paar helle Stellen am Himmel, wir starten zu den Etappen 8 bis 13. Der Weg zur Bocca Palmente führt durch schönen Mischwald mit viel Farn und Gebüsch. Bis zur Bergerie Scarpaccedie wandern wir auf der Höhe durch eine vielgestaltige Landschaft mit immer neuen Ausblicken. Gegen Mittag erreichen wir die Bergerie und ahnen, dass es wieder einmal Zeit wird für den täglichen Regen. Kaum sind wir in einer offenen Hütte untergeschlüpft, fängt es auch schon zu schütten an. Auf das korsische Schlechtwetter ist eben Verlass!
Vier Stunden müssen wir in dem primitiven Almgebäude ausharren, bis wir die Sonne wieder sehen. Das letzte Stück zur Bergerie Capanelle ist nur noch ein Katzensprung. Als wir Korsikas zweites Skigebiet erreichen - das erste haben wir in Haut-Asco passiert - wollen wir nicht glauben, was wir sehen: Ein einziger riesiger Schandfleck, in dem die Natur vermutlich auf ewig zerstört ist.
Am Rand dieser Zone kampieren wir. Nachdem unsere Bitte, im nahegelegenen Restaurant duschen zu dürfen, abgelehnt wird, springen wir in den eiskalten Bach und machen uns herrlich erfrischt, ans Kochen.

10. Tag

Die Sonne treibt uns zur üblichen Zeit aus den Federn und auf die 9. Etappe. Sie führt, nur 15 km lang, über das Plateau de Gialgone zum Col de Verde und hinauf zur Prati-Hütte.
In der kleinen Almsiedlung, der Bergerie de Traggette verlaufen wir uns zwischen den planlos angeordneten Hütten, wir müssen uns quer durch kniehohes Gestrüpp zurück auf den Weg kämpfen. Ein Anstieg bringt uns zur Hochebene von Gialgone. In dieser Region des Nationalparks ist die Landschaft wieder ganz anders. Sie ähnelt unseren Hochmooren und lässt einen freien Blick auf die nächste Bergkette zu.
Vom Plateau steigen wir ab zum Marmano-Bach, den wir mangels Furt oder Brücke auf einem umgestürzten Baum überqueren. Prompt rutscht Peter ab und nimmt ein beidfüssiges Bad. Im folgenden Wald mit alten Tannen steht der größte Baum Korsikas: der Sapin Geant de Gialgone. Vor seinen 53,6 Metern Höhe kommen wir uns sehr winzig vor.
Wir überqueren die dritte Passstraße, den Col de Verde, lassen die Zeichen der Zivilisation - eine Imbissbude - verächtlich links liegen und suchen uns ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause. Danach machen wir uns an den steilen, aber sehr schönen Aufstieg zum Col de Prati und erreichen bald unser Tagesziel, die Prati-Hütte.
Wir ersteigen noch die Hügel rund um den Lagerplatz, werfen in der einmaligen Abendstimmung mehr als einen Blick auf die Ost- und Westküste und sehnen uns nach einem Bad im Meer.

11. Tag

Der erste Anstieg des Tages bringt uns zur Punta della Capella, die uns einen Ausblick auf den Weiterweg eröffnet: ein leichter Abstieg zum Col de Laparo durch mit Bäumen aufgelockertes Wiesengelände. Anschließend erklimmen wir den Col du Broullard.
Auf der Passhöhe trauen wir unseren Augen nicht. Nur wenige Meter unter uns prallen wahre Wolkenmeere an die Berghänge, während wir den Weiterweg über die Hochfläche und entlang des Höhenzuges im Licht des strahlend blauen Himmels vor uns liegen haben. Wir nutzen die Gunst der Stunde, packen unsere feuchten Sachen aus und legen uns zwei Stunden in die Sonne. Trotz dieser ausgiebigen Rast sind wir bereits um 14.00 Uhr an der Usciolu-Hütte. Nach Beratung mit dem Hüttenwirt, entschließen wir uns die guten Bedingungen zu nutzen und noch ein halbe Tagesetappe bis zu den Ruinen der Pedinelli-Hütte dranzuhängen. Ein kurzes Stück bergauf, betreten wir den Arêtes des Statues, den Denkmalsgrat. Leider sehen wir von den bizarren Felsformationen wenig, wir sind vollständig von Wolken eingehüllt. Beim Durchqueren der Mischwälder zeigt sich der Himmel jedoch wieder blau. Bald darauf, im freien, heideähnlichen Gelände bekommen wir die zusätzlichen Kilometer langsam zu spüren. Wir müssen uns gegenseitig motivieren, um noch die Hängebrücke über den Monte-Tignoso-Bach zu erreichen und die restliche Wegstunde bis zur Ruine zu schaffen. Aufgrund der schlechten Wegbeschreibung auf dieser Passage gehen wir jedoch an ihr vorbei, kämpfen uns auf einen Pass und bemerken erst hier unseren Irrtum. Es bleibt nur der Rückweg zum Bach, denn der Wind ist hier oben zu stark, um das Zelt aufzubauen und zu kochen. 10 Stunden haben wir in den Beinen, als wir im letzten Tageslicht bei der Hängebrücke das Zelt aufschlagen. Peter ist so erledigt, dass er nur die Hälfte seines Abendessens essen kann.

12. Tag

Mit ziemlich müden Beinen ersteigen wir den vom Vortag bekannten Col de Luana. Wieder pfeift uns der Wind um die Ohren. Dafür haben wir von dieser Vogelwarte einen ausgezeichneten Blick zurück auf den Denkmalsgrat, es wird sogar aus der Ferne deutlich, welch landschaftlicher Leckerbissen uns im Nebel des Vortages verborgen blieb.
Wir erklimmen den Monte Incudine, müssen uns gegen den Wind stemmen und bewundern die Bavella-Gruppe. 600 Meter tiefer liegt die Asinao-Hütte, zu der der bisher steilste Abstieg führt. Wir passieren die Hütte und steuern auf den letzten Höhenrücken vor dem Col de Bavella - unterhalb den Cornes d´Asinao - zu. Auf halber Höhe queren wir die Hänge zwischen Asinao-Bach und den bizarren Bavella-Gipfeln. Wir ereichen eine kleine Lichtung in der Macchia, die sich als Lagerplatz anbietet. Zunächst reißt der starke, böige Wind die Heringe sofort wieder aus dem Boden, dann schaffen wir es, uns hinter einer Gebüschgruppe für die Nacht einzurichten. Zum nächsten Wasserrinnsal müssen wir etwa 5 Minuten laufen. Sozusagen als Entschädigung für die Mühen beim Zeltaufstellen und bei der Abendtoilette bietet sich im zarten Abendlicht ein freier Blick auf die Türme der Bavella und die Berge am Südzipfel der Insel.

13. Tag

Als die Sonne aufgeht, hält uns nichts mehr in den Federn. Wir wandern zum Donicelli-Bach, in dessen Schlucht und wilder Vegetation wir den Weg verlieren. Erst nach einer Viertelstunde Umherirrens sind wir wieder auf markiertem Pfad, der sich stetig steigend zum Bavella-Pass hochzieht. Dort suchen wir uns für die Mittagspause, abseits des Touristentrubels, ein abgeschiedenes Plätzchen bevor wir auf dem Weiterweg einen winzigen Staudamm passieren. Anschließend geht es hinauf zum letzten großen, der den Weg nach Süden versperrt: den Col de Finosa.
Mit der von der vorgestrigen Marathonetappe noch etwas angeknacksten Kondition schleppen wir uns recht mühsam bergauf. Oben angekommen liegt der Südteil der Insel vollständig ausgebreitet vor uns, ganz am Horizont erkennbar: Porto-Vecchio.
Nach ausgiebiger Pause marschieren wir auf einem uralten, mit groben Steinen gepflasterten Maultierpfad zur Parliri-Hütte, vorbei an Tafoni-Verwitterungen, bei denen der weiche Kern der Felsen ausgehöhlt wird und nur die harte Schale erhalten bleibt.
In der Nachmittagshitze streben wir dem geplanten Endpunkt des Tages, der Bergerie de Capellu zu. Weil die Quelle am geplanten Biwakplatz ausgetrocknet ist, gehen wir, dem Geheimtipp deutscher Wanderer folgend, noch eine Stunde weiter zu einer kleinen Lichtung. Hier findet sich ein großes, auf etwa 30 Grad erwärmtes Wasserbecken, durch das ein Bach fließt. Wir stürzen uns in die „Badewanne“, waschen den Schmutz von zwei Wochen ab und fühlen uns „sauwohl“. Der Gipfel des Genusses sind die letzten Rippchen Schokolade aus Vizzavona.

14. Tag

Um den Bus in St. Lucie auf keinen Fall zu verpassen, stehen wir bereits um 5 Uhr auf und machen uns bei Mondlicht im Eiltempo marschfertig. Nach 2 Wochen Übung sitzt jeder Handgriff. Über die letzten kleinen Hügel, fliegen wir geradezu nach Conca. Nach gut 2 Stunden ist es geschafft: Wir haben die Quelle von Conca, den südlichsten Punkt des GR 20, erreicht.
Stolz auf unser Leistung, laufen wir übermütig in den Ort und versuchen leider vergeblich zu trampen. Es ist Sonntag und unser Aufzug scheinbar nicht gerade vertrauenserweckend. 3 bis 4 Kilometer Teerstraße dämpfen unseren Übermut und verhelfen uns zu größeren Blasen, als auf der ganzen bisherigen Tour. Endlich werden wir doch noch mitgenommen.
Frühzeitig sind wir in St. Lucie. Bis der Bus kommt, schlemmen wir in einem Straßencafé Café au lait und Croissant. Eine Zeitung informiert uns grob über das verpasste, aber nicht vermisste, Weltgeschehen. Dann geht es Ruckzuck. Plötzlich kommt der Bus (an Fahrplänen braucht man sich in Korsika nicht zu orientieren - einfach warten, irgendwann kommt er schon!), er bringt uns zum Campingplatz in Porto Vecchio. Wir bauen ein letztes Mal unser Zelt auf und beginnen die Erholungswoche mit einem ausgiebigen Bad im Meer.

Au revoir la Corse!

 

 

 

 

 

 

 

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