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9.Tag
Gegen 6.30 Uhr zeigen
sich ein paar helle Stellen am Himmel, wir starten zu den Etappen 8
bis 13. Der Weg zur Bocca Palmente führt durch schönen Mischwald
mit viel Farn und Gebüsch. Bis zur Bergerie Scarpaccedie wandern
wir auf der Höhe durch eine vielgestaltige Landschaft mit immer
neuen Ausblicken. Gegen Mittag erreichen wir die Bergerie und ahnen,
dass es wieder einmal Zeit wird für den täglichen Regen. Kaum sind
wir in einer offenen Hütte untergeschlüpft, fängt es auch schon
zu schütten an. Auf das korsische Schlechtwetter ist eben Verlass!
Vier Stunden müssen wir in dem primitiven Almgebäude ausharren,
bis wir die Sonne wieder sehen. Das letzte Stück zur Bergerie
Capanelle ist nur noch ein Katzensprung. Als wir Korsikas zweites
Skigebiet erreichen - das erste haben wir in Haut-Asco passiert -
wollen wir nicht glauben, was wir sehen: Ein einziger riesiger
Schandfleck, in dem die Natur vermutlich auf ewig zerstört ist.
Am Rand dieser Zone kampieren wir. Nachdem unsere Bitte, im
nahegelegenen Restaurant duschen zu dürfen, abgelehnt wird,
springen wir in den eiskalten Bach und machen uns herrlich
erfrischt, ans Kochen.
10. Tag
Die Sonne treibt uns zur üblichen Zeit aus den Federn und auf
die 9. Etappe. Sie führt, nur 15 km lang, über das Plateau de
Gialgone zum Col de Verde und hinauf zur Prati-Hütte.
In der kleinen Almsiedlung, der Bergerie de Traggette verlaufen wir
uns zwischen den planlos angeordneten Hütten, wir müssen uns quer
durch kniehohes Gestrüpp zurück auf den Weg kämpfen. Ein Anstieg
bringt uns zur Hochebene von Gialgone. In dieser Region des
Nationalparks ist die Landschaft wieder ganz anders. Sie ähnelt
unseren Hochmooren und lässt einen freien Blick auf die nächste
Bergkette zu.
Vom Plateau steigen wir ab zum Marmano-Bach, den wir mangels Furt
oder Brücke auf einem umgestürzten Baum überqueren. Prompt
rutscht Peter ab und nimmt ein beidfüssiges Bad. Im folgenden Wald
mit alten Tannen steht der größte Baum Korsikas: der Sapin Geant
de Gialgone. Vor seinen 53,6 Metern Höhe kommen wir uns sehr winzig
vor.
Wir überqueren die dritte Passstraße, den Col de Verde, lassen die
Zeichen der Zivilisation - eine Imbissbude - verächtlich links
liegen und suchen uns ein ruhiges Plätzchen für die Mittagspause.
Danach machen wir uns an den steilen, aber sehr schönen Aufstieg
zum Col de Prati und erreichen bald unser Tagesziel, die Prati-Hütte.
Wir ersteigen noch die Hügel rund um den Lagerplatz, werfen in der
einmaligen Abendstimmung mehr als einen Blick auf die Ost- und Westküste
und sehnen uns nach einem Bad im Meer.
11. Tag
Der erste Anstieg des Tages bringt uns zur Punta della Capella,
die uns einen Ausblick auf den Weiterweg eröffnet: ein leichter
Abstieg zum Col de Laparo durch mit Bäumen aufgelockertes Wiesengelände.
Anschließend erklimmen wir den Col du Broullard.
Auf der Passhöhe trauen wir unseren Augen nicht. Nur wenige Meter
unter uns prallen wahre Wolkenmeere an die Berghänge, während wir
den Weiterweg über die Hochfläche und entlang des Höhenzuges im
Licht des strahlend blauen Himmels vor uns liegen haben. Wir nutzen
die Gunst der Stunde, packen unsere feuchten Sachen aus und legen
uns zwei Stunden in die Sonne. Trotz dieser ausgiebigen Rast sind
wir bereits um 14.00 Uhr an der Usciolu-Hütte. Nach Beratung mit
dem Hüttenwirt, entschließen wir uns die guten Bedingungen zu
nutzen und noch ein halbe Tagesetappe bis zu den Ruinen der
Pedinelli-Hütte dranzuhängen. Ein kurzes Stück bergauf, betreten
wir den Arêtes des Statues, den Denkmalsgrat. Leider sehen wir von
den bizarren Felsformationen wenig, wir sind vollständig von Wolken
eingehüllt. Beim Durchqueren der Mischwälder zeigt sich der Himmel
jedoch wieder blau. Bald darauf, im freien, heideähnlichen Gelände
bekommen wir die zusätzlichen Kilometer langsam zu spüren. Wir müssen
uns gegenseitig motivieren, um noch die Hängebrücke über den
Monte-Tignoso-Bach zu erreichen und die restliche Wegstunde bis zur
Ruine zu schaffen. Aufgrund der schlechten Wegbeschreibung auf
dieser Passage gehen wir jedoch an ihr vorbei, kämpfen uns auf
einen Pass und bemerken erst hier unseren Irrtum. Es bleibt nur der
Rückweg zum Bach, denn der Wind ist hier oben zu stark, um das Zelt
aufzubauen und zu kochen. 10 Stunden haben wir in den Beinen, als
wir im letzten Tageslicht bei der Hängebrücke das Zelt
aufschlagen. Peter ist so erledigt, dass er nur die Hälfte seines
Abendessens essen kann.
12. Tag
Mit ziemlich müden Beinen ersteigen wir den vom Vortag
bekannten Col de Luana. Wieder pfeift uns der Wind um die Ohren. Dafür
haben wir von dieser Vogelwarte einen ausgezeichneten Blick zurück
auf den Denkmalsgrat, es wird sogar aus der Ferne deutlich, welch
landschaftlicher Leckerbissen uns im Nebel des Vortages verborgen
blieb.
Wir erklimmen den Monte Incudine, müssen uns gegen den Wind stemmen
und bewundern die Bavella-Gruppe. 600 Meter tiefer liegt die
Asinao-Hütte, zu der der bisher steilste Abstieg führt. Wir
passieren die Hütte und steuern auf den letzten Höhenrücken vor
dem Col de Bavella - unterhalb den Cornes d´Asinao - zu. Auf halber
Höhe queren wir die Hänge zwischen Asinao-Bach und den bizarren
Bavella-Gipfeln. Wir ereichen eine kleine Lichtung in der Macchia,
die sich als Lagerplatz anbietet. Zunächst reißt der starke, böige
Wind die Heringe sofort wieder aus dem Boden, dann schaffen wir es,
uns hinter einer Gebüschgruppe für die Nacht einzurichten. Zum nächsten
Wasserrinnsal müssen wir etwa 5 Minuten laufen. Sozusagen als
Entschädigung für die Mühen beim Zeltaufstellen und bei der
Abendtoilette bietet sich im zarten Abendlicht ein freier Blick auf
die Türme der Bavella und die Berge am Südzipfel der Insel.
13. Tag
Als die Sonne aufgeht, hält uns nichts mehr in den Federn. Wir
wandern zum Donicelli-Bach, in dessen Schlucht und wilder Vegetation
wir den Weg verlieren. Erst nach einer Viertelstunde Umherirrens
sind wir wieder auf markiertem Pfad, der sich stetig steigend zum
Bavella-Pass hochzieht. Dort suchen wir uns für die Mittagspause,
abseits des Touristentrubels, ein abgeschiedenes Plätzchen bevor
wir auf dem Weiterweg einen winzigen Staudamm passieren. Anschließend
geht es hinauf zum letzten großen, der den Weg nach Süden
versperrt: den Col de Finosa.
Mit der von der vorgestrigen Marathonetappe noch etwas angeknacksten
Kondition schleppen wir uns recht mühsam bergauf. Oben angekommen
liegt der Südteil der Insel vollständig ausgebreitet vor uns, ganz
am Horizont erkennbar: Porto-Vecchio.
Nach ausgiebiger Pause marschieren wir auf einem uralten, mit groben
Steinen gepflasterten Maultierpfad zur Parliri-Hütte, vorbei an
Tafoni-Verwitterungen, bei denen der weiche Kern der Felsen ausgehöhlt
wird und nur die harte Schale erhalten bleibt.
In der Nachmittagshitze streben wir dem geplanten Endpunkt des
Tages, der Bergerie de Capellu zu. Weil die Quelle am geplanten
Biwakplatz ausgetrocknet ist, gehen wir, dem Geheimtipp deutscher
Wanderer folgend, noch eine Stunde weiter zu einer kleinen Lichtung.
Hier findet sich ein großes, auf etwa 30 Grad erwärmtes
Wasserbecken, durch das ein Bach fließt. Wir stürzen uns in die
„Badewanne“, waschen den Schmutz von zwei Wochen ab und fühlen
uns „sauwohl“. Der Gipfel des Genusses sind die letzten Rippchen
Schokolade aus Vizzavona.
14. Tag
Um den Bus in St. Lucie auf keinen Fall zu verpassen, stehen wir
bereits um 5 Uhr auf und machen uns bei Mondlicht im Eiltempo
marschfertig. Nach 2 Wochen Übung sitzt jeder Handgriff. Über die
letzten kleinen Hügel, fliegen wir geradezu nach Conca. Nach gut 2
Stunden ist es geschafft: Wir haben die Quelle von Conca, den südlichsten
Punkt des GR 20, erreicht.
Stolz auf unser Leistung, laufen wir übermütig in den Ort und
versuchen leider vergeblich zu trampen. Es ist Sonntag und unser
Aufzug scheinbar nicht gerade vertrauenserweckend. 3 bis 4 Kilometer
Teerstraße dämpfen unseren Übermut und verhelfen uns zu größeren
Blasen, als auf der ganzen bisherigen Tour. Endlich werden wir doch
noch mitgenommen.
Frühzeitig sind wir in St. Lucie. Bis der Bus kommt, schlemmen wir
in einem Straßencafé Café au lait und Croissant. Eine Zeitung
informiert uns grob über das verpasste, aber nicht vermisste,
Weltgeschehen. Dann geht es Ruckzuck. Plötzlich kommt der Bus (an
Fahrplänen braucht man sich in Korsika nicht zu orientieren -
einfach warten, irgendwann kommt er schon!), er bringt uns zum
Campingplatz in Porto Vecchio. Wir bauen ein letztes Mal unser Zelt
auf und beginnen die Erholungswoche mit einem ausgiebigen Bad im
Meer.
Au revoir la Corse!
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