Der West-Coast-Trail ist Teil eines 8-wöchigen
Canada/Amerika Urlaubes. Für den Trip haben wir uns vor Ort einen Camper
gekauft.
Wir, das sind: mein Bruder Roland und meine beiden Studienkollegen Achim und
Rainer.
Donnerstag, 06.08.1992, Sidney
Am Vortag steht mein Bruder Roland am Ausgang des Flughafens in
Vancouver und bringt uns zu seiner Höllenmaschine. Einem in Vancouver
gekauften „Toyota Chinook 1997“ mit Hubdach. Nach einem ersten Bier
und dem Verstauen des Gepäcks fahren wir zu Derek und Anneliese, weitläufigen
Verwandten/Bekannten. Sie sind sehr freundlich, reden aber ein bischen
viel. Dort gibt es eine Dusche und Kaffee, dann fahren wir endgültig los.
Auf der Strecke zur Fähre nach Viktoria nehmen wir im McDonald´s den
ersten American-Way-of-Life-Imbiß. Um 21 Uhr beginnt die Überfahrt nach
Vancouver Island. Fast mitten in der Nacht bauen wir unser Zelt und unser
Wohnmobil in Sydney (bei Victoria) auf einem Campingplatz auf.
Freitag, 07.08.1992, Port Renfrew
Bis 8.00 versuchen wir die Zeitverschiebung im Schlaf zu verdauen. Gemütliches
Frühstück und Aufbruch nach Victoria schließen sich an.
Zwei Stunden bummeln wir durch die schöne victorianische Stadt. Hauptsächlich
am Hafen und bei den Totempfählen. Dann geht´s weiter in Richtung Port
Renfrew auf einer etwas abenteuerlichen Straße. Mir wird hinten drin speiübel.
In der Information des W.C.T. (Westcoast Trail) gibt es eine Überraschung.
Nach Rolands vergeblichem Versuch, im Voraus Plätze zu servieren, hatten
wir vor Ort keine Probleme, welche zugeteilt zu bekommen. Die Rangerin
stellt uns frei, heute noch oder morgen loszulaufen. Wir entscheiden uns für
Samstag. Nun haben wir unser Lager direkt am Strand aufgeschlagen und
schreiben unsere Tagebücher. Währenddessen nimmt die Glut des
Lagerfeuers für unsere Turbosteaks Form an. Zu den Riesensteaks (für
einen Spottpreis) machen wir Spaghetti mit einer Spezialtomatensoße. Echt
super.
Samstag, 08.08.1992, Camper Bay
Ab dem frühen Morgen regnet´s in Strömen. Trotzdem machen
wir uns auf die Socken. Nach dem gemütlichen Frühstück im Toyota geht
es zum Parc-Office. Wir werden ausführlich informiert. Bis 11.00 warten
wir im Cafe auf besserer Wetter und auf die Fähre. Während der ganzen
Zeit begleitet uns eine Reporterin con CBC und interviewt uns.
Im größten Regen setzen wir für 6 CDN pro Mann zum Ausgangspunkt der
Tour über. Durch schönen Regenwald laufen wir 13 km bis zur Camper Bay.
Dazwischen Leitern, Baumstämme, Stege. Viele Flüsse werden überquert.
Nach 6 h ist es geschafft. Unterwegs überholen wir alle, die vor uns
gestartet sind. Noch sind wir gut drauf.
Zum Schluss der Tagesetappe gibt es eine Cable-Car-Flußüberquerung. Auf
einer großen Sandbank schlagen wir die Zelte auf. Die Klamotten sind alle
pitschnass. Mein Schlafsack ebenfalls. Kurz nach dem Aufbau kommt dann die
Sonne durch. Ich gehe erst mal in der Flussmündung baden. Später, nach
dem Essen, fängt es wieder mal zu regnen an. Deshalb, und auch weil wir
ziemlich geschafft sind, gehen wir früh ins Bett.
Im Wald gibt es übrigens fast keine Tiere. Außer ein paar Vögeln, die
gelegentlich zu hören sind.
Sonntag, 09.08.1992, Walbran River
Mein Bruder hat heute Geburtstag. Es war ein anstrengender Tag. Statt der
geplanten 13 km haben wir nur 9 geschafft, in 8 Stunden!
Doch der Reihe nach. Der Weg wird immer schlechter. Dafür haben wir eine
Zugseilgondel und ein Hängebrücke als abwechslungsreiche Höhepunkte.
Der schönste Abschnitt ist ein Bohlenweg durch ein Hochmoor mit dichter
Moosvegetation und vielen skurrilen, abgestorbenen Bäumen. Am Logan Creek
(Hängebrücke) versuchen wir zuerst nach einer Barfussflussüberquerung
an der Küste voranzukommen. Gleich am Anfang ist eine etwas haarige
Stelle. Klettern zwischen Steilküste und Meer. 400m weiter kommt der
angekündigte Brandungskanal. Sehr gefährlich! Aber schön. Direkt darüber
der Wasserfall des Adrenalincreek. Wir kommen nicht über den Kanal. Das
Wasser ist zu tief, die Strömung zu stark. Ein Ausrutscher und uns spült
es ins Meer. Wir drehen um. Wieder zurück durch den Fluss und aufsteigen
zur Hängebrücke. Eine Stunde umsonst gekämpft.
Wir beschließen gemeinsam, nur noch bis zum Walran River zu marschieren.
3 Stunden sind für die letzten 3 km im Führer angegeben! Nach knapp 2
Stunden sind wir durch. So schlimm wie hier, ist der Weg noch nirgends
gewesen. Achim und ich sind ziemlich fertig. Der Zeltplatz entschädigt
jedoch, er ist genial. Wieder liegt er auf den Sandbänken einer Flussmündung.
Wir hängen erst mal alle Klamotten zum Trocknen auf. Dann wird gebadet
und Rainer start seien ersten Angelversuch. Umsonst.
Montag, 10.08.1992, Corbs Creek
Endlich geht es am Strand entlang. Eine grandiose Szenerie. Steilküste
mit vorgelagertem Sandstrand, wie aus dem Bilderbuch, und anschließend
die von der Ebbe freigelegten Felsplatten. Darauf lässt es sich ganz toll
gehen. In den kleine Tümpeln und Sielen hat es jeden Menge Fische,
Muscheln und Pflanzen. Vor allem Seeanemonen.
Wir haben bis jetzt ca. 5 km in 1,5 Stunden gemacht, und liegen nun in
einer Bucht (Bonilla Creek) vor dem ersten Leuchtturm. Hier fließt ein
Bach über einen Wasserfall ins Meer. Eine ideale Dusche. Wir machen länger
Pause, um die Klamotten endlich richtig zu trocknen. Vielleicht klappt´s
ja auch noch mit den Schuhen.
Gleich nach dem Aufbruch kommen wir an einem Bauch mit Weißkopfseeadlern
vorbei. Stattliche Vögel. Anschließend geht es 4 km an einem Traumstrand
entlang. Bis nach Cormanah Point, dem Leuchtturm. Während der Rast
beobachten wir Weißkopfseeadler, einen Wal und eine Klippe voller Seelöwen.
Nun sind es nur noch 3 km bis Corbs Creek. Hier bietet sich die letzte
Gelegenheit für die 16 km des nächsten Tages, Wasser zu fassen.
Der Zeltplatz liegt an einem Bach, zwischen Unmengen von angeschwemmten Bäumen
in einer wunderschönen Bucht. Wir machen uns eine geruhsamen Nachmittag
mit Sonnenbaden und Fotografieren. Körperpflege muss auch sein, vor allem
für die Füße.
Abends wird das obligatorische Lagerfeuer angezündet. Die Stimmung ist
bestens. Auch der Puma, der nachts um´s Lager streicht, kann sie uns
nicht vermiesen.
Dienstag, 11.08.1992, Tsusiat Falls
Heute ist mal wieder ein Tag voller Höhepunkte.
Gleich nach dem Aufbruch, hinter dem ersten Point, finden wir eine ganze
Reihe von Meerestümpeln voll besetzt mit Seeigeln, Seeanemonen und
Seesternen in allen Farben. Zuerst führt der Weg am Strand entlang von
einer schönen Bucht zur nächsten. Dann geht es 3 km durch Wald zum
Cheewhat Creek. Hängebrücke!
Dann auf fast nur auf endlos scheinenden Stegen bei brütender Hitze zum
Nitinat Lake. Er ist wunderschön. Ein See, der vom Meerwassergefüllt
wird. Wir müssen nur kurz warten, dann werden wir von Indianern übergesetzt.
5 CDN pro Mann. Die Jungs sind geschäftstüchtig. Wir leisten uns aus
ihrer Kühlbox Bier und Cola. Während einer kurzen Pause, in der Rainer
Speck für uns alle brät, beobachten wir Otter, Riesenkrabben und einige
Quallen.
Mit neuem Schwung nehmen wir den Rest der Strecke in Angriff. Zuerst am
Rand der Steilküste mit herrlichen Blicken auf verschieden Buchten und
schließlich noch 5 km am Strand entlang. Am Tsuquadra Point durch eine
Felsbogen hindurch. Das Wasser steht bereits so hoch, dass wir den
richtigen Augenblick abpassen müssen, um zwischen zwei Wellen trockenen
Fußes um die Ecke flitzen zu können. Die restliche Strecke bis zum Camp
ist hart. Der Sand ist tief, es kostet viel Kraft vorwärts zu kommen.
An den Falls ist es gigantisch. Sie sind ca. 15 m hoch, in Katarakten fließen
sie in eine riesige Badewanne. Ca. 20 Grad hat das glasklare Wasser. Wir
reißen uns erst mal die Kleider vom Leib und nehmen ein ausgiebiges Bad.
Anschließend ist sonnenbaden angesagt, Zeltaufbau und Materialpflege.
Abends bietet sich die grandiose Kulisse in einem fantastischen
Sonnenuntergang.
Mittwoch, 12.08.1992, Bamfield
Um 8.30 ist Aufbruch für die letzten 25 km. Davor musste Rainer
feststellen, dass sich in seiner Wasserflasche eine Maus eingenistet hat.
Sie war so vollgesoffen, dass sie nicht mehr aus der Flasche rausgekommen
ist. Wir haben beide zurückgelassen. In meinem Rucksack haben die Biester
die Verpackungen unseres Essens angeknabbert. Und der Speck ist
angefressen. Wir haben ihn ausgeschnitten, gewaschen und zum trocken in
die Sonne gelegt. Bis wir zusammen gepackt haben, ist der Speck von den
Raben gefressen. Mahlzeit!
Immer abwechselnd mal am Strand und mal im Wald laufen wir zügig bis zu
KM 12. Dort sind wir schon um 14.30 Uhr. Hier hätte eigentlich für heute
Schluss sein sollen. Der Campingplatz ist aber nicht so schön, so
beschließen wir bis zum Ende zu laufen. Die ersten 5 km reißen wir in 45
Minuten runter. Dann schalten wir das Hirn wieder ein, und beenden den
Wettlauf. Bis zum Parc-Office am Trailende lassen wir uns wieder mehr
Zeit. Wir melden uns kurz vor Büroschluss bei den Rangerinnen ab. Eine
von ihnen nimmt uns in ihrem Truck bis Bamfield mit. Das erspart uns
weitere 5 km zu Fuß bzw. eine sicher teure Taxifahrt.
Wir bauen unser Zelt auf dem miesen Campingplatz am Ortsrand auf und
verbringen den Abend im „Zentrum“ der „Stadt“. Im „Tides and
Trails Cafe“ stopfen wir uns mit Fish and Chips, Milkshake, Cola,
Muffins, ...
Nach einem gemütlichen Drink auf dem Bänkchen vor dem Cafe geht dieser
wunderbare Trail um 22.00 Uhr zu Ende.
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