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Tagebuch 1. Teil: Korsika-GR20

Tagebuch 2.Teil Zurück zur Tour

Zwei Wochen auf dem Weitwandertrail GR 20

Korsika zu Fuß

 

Es begann alles mit meinem ersten Korsika-Urlaub. Damals lernte ich die großartige Bergwelt dieser Insel kennen und las fasziniert in einem Führer von der Inseldurchquerung entlang des Gebirgshauptkammes von Nord nach Süd.

Zwei Jahre später ist es dann soweit. Mitte Juni haben mein Bergfreund Peter und ich die seit dem Winter laufende Planung für unser erstes derartiges „Großprojekt“ abgeschlossen. Einige vorbereitende Touren haben wir hinter, die Ausrüstung ist gecheckt und vervollständigt, wir können es kaum noch abwarten.
Mit dem Zug fahren wir über Nacht bis Genua, von hier bringt uns die Fähre nach Calvi. Wir laufen am herrlichen, kilometerlangen Strand entlang zu einem der vielen Zeltplätze. Das Gewicht unserer 23 Kilo schweren Rucksäcke macht sich zum erstenmal richtig bemerkbar. Nach dem Zeltaufbau machen wir uns an die Besichtigung des reizvollen Städtchens mit seiner imposanten Zitadelle.

 

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1. Tag

Am nächsten Morgen trampen wir zum Forsthaus von Bonifatu. Hier beginnt unser Abenteuer. Entlang dem Ficarella-Bach schlängelt sich der Weg durch die Macchia langsam nach oben zur Caruzzo-Hütte. Völlig ausgepumpt - wir sind die Rucksäcke noch nicht gewohnt - müssen wir erst mal ausruhen, bevor wir das Zelt in der Nähe der Hütte aufschlagen. Ein defekter Reißverschluss an unserer Behausung muss genäht werden, eine Freiluftdusche gibt uns die Lebensgeister zurück, den Nachmittag verbringen wir mit Lektüre auf der Terrasse der Hütte, dann wird´s Zeit für Abendessen und Bettruhe.

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2. Tag

Bei Sonnenaufgang sind wir bereits wieder auf den Beinen und stehen nach einer halben Wegstunde vor der großen Hängebrücke über den Spasimata-Bach. Vor uns balanciert eine 30-köpfige Reisegruppe einzeln über das wackelige Hindernis. Wir genießen das Schauspiel. Danach führt der steile Weg zum Muvrella-See. Der nächste sonnenausgesetzte Hang bestätigt die Richtigkeit unserer Entscheidung, die Tour von Nord nach Süd zu gehen. Länger als ein, zwei Stunden in der Hitze steil aufzusteigen, wäre kaum auszuhalten. Der Anblick des kleinen Sees im Kessel entschädigt uns für die Strapaze. Er lädt ein, zu pausieren und die umliegende Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Über unschwierige Kletterstellen erreichen wir den vorläufig höchsten Punkt des Tages - die Bocca Culaghia. Fantastisch ist die Aussicht über die Täler zur Nord- und Westküste sowie auf den höchsten Berg der Insel, den Monte Cinto (2.710m). Auf dem Grat wandern wir Richtung Altore-Hütte, müssen noch einmal hinunter ins Asco-Tal und steigen unter Aufbietung der letzten Kräfte zur Hütte auf. Der außergewöhnlich schöne Wegabschnitt von der Bocca bis zur Hütte war es übrigens auch, der mich vor zwei Jahren den Entschluss zur Durchquerung fassen ließ. Als wir am Hüttengelände ankommen, sind wir etwas überrascht: Wo die Hütte stehen sollte, ist nur noch ein Trümmerhaufen und das Fundament zu sehen. Wir finden ein optimal ebenes und trockenes Plätzchen auf dem Fundament für unser Zelt, nutzen den nahen Tümpel für eine eiskalte Generalreinigung, vertreiben uns die Zeit bis zum Einbruch der Dämmerung mit Fotostreifzügen und der Vorbereitung der morgigen Etappe. (Anmerkung: Die Hütte ist eventuell inzwischen wieder aufgebaut!)

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3. Tag

Sie wird die anspruchsvollste, deshalb stehen wir bereits um sechs auf. Peter und ich sind mittlerweile so gut eingespielt, dass sich Frühstücken und Zusammenpacken auf das absolute Minimum einer Stunde reduziert hat. Zuerst führt der Weg über ein Schneefeld auf einen Pass, den Col Perdu. Von hier überblicken wir die Schlüsselstelle, einen engen, felsigen und äußerst steilen Kessel. Der Weg führt am Seil fast senkrecht hinunter in die Abgründe unter der Bocca Minuta und auf der anderen Seite noch steiler hinauf, wobei uns die Wucht der Felsmassive ringsum fast zu erdrücken droht. Gut markiert geht es aufwärts, wobei wir einige Kletterpassagen überwinden müssen, die aufgrund der sperrigen Rucksäcke kaum zu meistern sind. Weiter oben geraten wir auf Schotterfelder, die uns mehr rückwärts als vorwärts zur Bocca Minuta bringen. Vor uns tut sich ein überwältigender Blick in das wunderschöne Viru-Tal auf. Unterhalb der Paglia Orba, dem Matterhorn Korsikas, laufen wir durch idyllische Pinienwälder zur Bergerie Prugnoli, rasten ausgiebig - mit Bad - am Bach und kämpfen uns die letzten 600 Höhenmeter des Tages zur Bocca di Foghieghiallu. Die Mori-Hütte wäre der führermäßige Endpunkt des Tages. Wir steigen jedoch ab zu einer Felsformation in der Nähe der verfallenen Bergerie Tula. Hier gibt es den idealen Biwakplatz mit Windschutz und fließend Wasser.

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4. Tag

Nach einer ruhigen Nacht mit etwas Sprühregen geleitet uns die ersten Wegstunden der Golo-Bach. Er entspringt in der Nähe der Bergerie und mündet als einer der größten Flüsse Korsikas an der Ostküste ins Meer. Hier oben bildet er viele einladende Badegumpen, doch wir widerstehen der Versuchung. Denn mit 9 Stunden Gehzeit liegt heute die längste Strecke vor uns. Auch während dieses Tages begleitet uns ein für Korsika typisches Phänomen: Hinter jeder Wegbiegung und Bergkuppe sieht die Gegend völlig anders aus, präsentiert sich in ihrer ganzen Schönheit und Vielfalt. Hinter dem Bergerie-Gelände im Valdu Niellu, übersät mit Wiesen- und Bergblumen, durchwandern wir Wald, wild und ursprünglich - eben korsisch.
Zwei Kilometer Fahrstraße zum Col de Verghio zehren an unserer Psyche. Auf gleicher Höhe führt der Weg durch den Forst von Valdu Niellu. Mühsam, Tropfen für Tropfen, füllen wir an einem kleinen Rinnsal unsere Feldflaschen, ein Zeitaufwand, der sich lohnen sollte, denn für viele Stunden ist es die letzte Gelegenheit zum Wasserfassen. Es folgt der Steilanstieg zum Col de St. Pierre. Auf dem Pass sind die Laub- und Nadelbäume vom ewigen Sturmwind ganz flach geduckt und zu bizarren Riesenbonsais verformt. Im Wandschatten dagegen, nur wenige Meter weiter, wachsen riesige Buchen, in deren Schutz die verwilderten Hausschweine den Waldboden umgeackert haben.
Der Pass ist nur ein Zwischenspiel auf dem steilen Weg zur Bocca à Reta, wo sich ein herrliches Panorama bietet. Das Hochplateau mit dem Nino-See, unser nächstes Ziel, liegt uns zu Füßen. Von dort sind es immer noch fünf Kilometer zum Etappenziel, der Manganu-Hütte, an der uns eine unangenehme überraschung erwartet. Sie ist völlig belagert von italienischen Ferienkindern, was unserem Ruhebedürfnis nicht ganz gerecht wird. Wir schlagen uns mit dem Zelt abseits ins Gebüsch und beschließen den Tag mit einer großen Bade- und Waschaktion.

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5. Tag

Auch die fünfte Etappe beginnt früh. Durch ein wildromantisches Tal geht es steil hinauf zur Brêche de Capitello, das letzte Stück durch stark zerklüftetes Felsgelände und teilweise über Altschneefelder. In der Scharte einer überwältigenden Aussicht haben wir eine Pause verdient. Unter uns liegen die von vielen Postkarten bekannten und in jedem Führer erwähnten drei kleinen Bergseen: Capitello-, Melo- und Rinoso-See. Tiefblau blinken sie vor dem großen Schneefeld herauf, das auf unserem Weiterweg liegt.
200 Meter müssen wir absteigen und gehen rasch bis zum Col de Rinoso auf einem Höhenweg, der um die Höhe von 2.000 Meter schwankt. Hier fällt unsere Pause den mächtigen Wolkenbänken zum Opfer, die von beiden Küsten heraufziehen. Im eiskalten Regen schaffen wir es auf den nächsten Pass und hinunter zur Pietra-Piana-Hütte. Mit Kartenspiel und Würfeln vertreiben wir uns die Zeit, bis wir in die Schlafsäcke kriechen dürfen.

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6. Tag

An diesem Morgen sinkt beim Blick aus dem Zelt die Laune auf den Nullpunkt. Nichts als Wolken, somit erledigt sich die Überlegung, hier die alpine Variante zu gehen, von alleine. In einem nervigen Balanceakt von Stein zu Stein geben wir die am Vortag so zäh erkämpfte Höhe wieder auf und halten auf eine Bergerie im Tal zu. Ganze Wassermassen stürzen auf uns herunter, trotz Regenkleidung sind wir in Kürze patschnaß. Der freundliche Korse auf der Alm gewährt uns Unterschlupf. Da es sich einzuregnen scheint, halten wir Krisensitzung, ob wir nicht lieber abbrechen sollen.
Wir entscheiden uns für´s Weitermachen. Als es tatsächlich aufreißt, laufen wir los, im Eiltempo empor zur Onda-Hütte. Wir unterbieten die angegebene Führerzeit beträchtlich, und kaum haben wir unseren Krempel auf die Matratzen geworfen, prasseln auch schon sintflutartige Regenfälle nieder. Stunden - und ein langes Nachmittagsnickerchen - später scheint die Sonne. Kaum ist sie da, kommt auch schon der Aufseher und kassiert 30 FF (Hinweis von S. Sauer vom Sommer 2001: 50 FF pro Person im Refuge und 20 FF im  Zelt) pro Mann. Bei der Reparatur der Wasserleitung ist er nicht so eifrig, dies nimmt Peter in die Hand. Er ist technisch begabt und hat die nötige Ausdauer, solch knifflige Probleme zu lösen. Herrlich müde und stolz auf unser Tagespensum sinken wir nach dem Abendessen in die „Federn“.
Die Investition für ein Dach über dem Kopf hat sich gelohnt, es regnet die ganze Nacht hindurch.

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7. Tag

Beim morgentlichen Blick aus der Hütte schnellt das Stimmungsbarometer nach oben - bestes Wetter, soweit das Auge reicht. Doch damit hat es seine Tücken. Kaum sind wir auf der letzten Etappe der ersten Hälfte des GR 20, ziehen Wolken auf, und wir wissen, dass wir bis Mittag am Ziel sein müssen, wollen wir nicht naß werden. Auf diese Tageszeit hat sich der tägliche Regenguss nämlich eingependelt. Wir steigen also zügig zur Crête de Muratello auf, immer den Hund zwischen den Beinen, der am Vortag mit einer Gruppe von Vizzavonna herübergekommen ist und nun mit uns dorthin zurückläuft.
Wir verzichten auf den Abstecher über den Monte d´Oro und steigen entlang des Agnone-Bachs ab, der von knorrigen Erlenhainen und großen Felsplatten gesäumt ist. Unterhalb dieser Region stürzt der Bach über die Cascades des Anglais hinab. Von den Wasserfällen ist es nur noch ein kleines Stück bis zum verschlafenen Paßdorf Vizzavonna, in dem es einen Bahnhof für den „Feurigen Elias“, einen Zeltplatz und ein paar Hotels gibt. Wir schlagen, während es mal wieder pünktlich anfängt zu gießen, unser Lager auf und freuen uns über die erfolgreiche Beendigung des ersten Teils unserer Tour.

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8. Tag – Ruhetag

Der kleine Ferienort auf der Passhöhe zwischen Corte und Ajaccio markiert die halbe Wegstrecke. Er ist idealer Rastplatz und bietet die Chance, Vorräte zu ergänzen. Wir fahren dazu mit der uralten Inselbahn (von einem deutschen Ingenieur gebaut) in den nächsten Ort. Nach abenteuerlicher Fahrt, mit spektakulären Ausblicken in die Vecchio-Schlucht bummeln wir durch Vivario und kaufen Wichtiges (Müsli) und Entbehrtes (Schokolade, Kekse, Obst) für den zweiten Teil der Durchquerung. Viele Trekker wählen Vizzavona auch als Ausgangspunkt, um entweder nur den Nord- oder Südteil des GR 20 zu erwandern.
Wir verbringen den Rest des Tages mit Nichtstun, unsere müden Beine und die geplagten Schultern bzw. Bandscheiben danken es uns. Ein gepflegtes Essen in einem der Restaurants und ein Telefonat mit Zuhause sind die vorläufig letzten Rückfälle in die Gepflogenheiten des Alltags.

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