|
|
Tagebuch 1. Teil: Korsika-GR20 |
|
|
|
|
Zwei Wochen auf dem Weitwandertrail GR 20 Korsika zu Fuß
Es begann alles mit meinem ersten Korsika-Urlaub. Damals lernte ich die
großartige Bergwelt dieser Insel kennen und las fasziniert in einem Führer
von der Inseldurchquerung entlang des Gebirgshauptkammes von Nord nach Süd.
1. Tag Am nächsten Morgen trampen wir zum Forsthaus von Bonifatu. Hier beginnt unser Abenteuer. Entlang dem Ficarella-Bach schlängelt sich der Weg durch die Macchia langsam nach oben zur Caruzzo-Hütte. Völlig ausgepumpt - wir sind die Rucksäcke noch nicht gewohnt - müssen wir erst mal ausruhen, bevor wir das Zelt in der Nähe der Hütte aufschlagen. Ein defekter Reißverschluss an unserer Behausung muss genäht werden, eine Freiluftdusche gibt uns die Lebensgeister zurück, den Nachmittag verbringen wir mit Lektüre auf der Terrasse der Hütte, dann wird´s Zeit für Abendessen und Bettruhe. 2. Tag Bei Sonnenaufgang sind wir bereits wieder auf den Beinen und stehen nach einer halben Wegstunde vor der großen Hängebrücke über den Spasimata-Bach. Vor uns balanciert eine 30-köpfige Reisegruppe einzeln über das wackelige Hindernis. Wir genießen das Schauspiel. Danach führt der steile Weg zum Muvrella-See. Der nächste sonnenausgesetzte Hang bestätigt die Richtigkeit unserer Entscheidung, die Tour von Nord nach Süd zu gehen. Länger als ein, zwei Stunden in der Hitze steil aufzusteigen, wäre kaum auszuhalten. Der Anblick des kleinen Sees im Kessel entschädigt uns für die Strapaze. Er lädt ein, zu pausieren und die umliegende Bergwelt auf sich wirken zu lassen. Über unschwierige Kletterstellen erreichen wir den vorläufig höchsten Punkt des Tages - die Bocca Culaghia. Fantastisch ist die Aussicht über die Täler zur Nord- und Westküste sowie auf den höchsten Berg der Insel, den Monte Cinto (2.710m). Auf dem Grat wandern wir Richtung Altore-Hütte, müssen noch einmal hinunter ins Asco-Tal und steigen unter Aufbietung der letzten Kräfte zur Hütte auf. Der außergewöhnlich schöne Wegabschnitt von der Bocca bis zur Hütte war es übrigens auch, der mich vor zwei Jahren den Entschluss zur Durchquerung fassen ließ. Als wir am Hüttengelände ankommen, sind wir etwas überrascht: Wo die Hütte stehen sollte, ist nur noch ein Trümmerhaufen und das Fundament zu sehen. Wir finden ein optimal ebenes und trockenes Plätzchen auf dem Fundament für unser Zelt, nutzen den nahen Tümpel für eine eiskalte Generalreinigung, vertreiben uns die Zeit bis zum Einbruch der Dämmerung mit Fotostreifzügen und der Vorbereitung der morgigen Etappe. (Anmerkung: Die Hütte ist eventuell inzwischen wieder aufgebaut!) 3. Tag Sie wird die anspruchsvollste, deshalb stehen wir bereits um sechs auf. Peter und ich sind mittlerweile so gut eingespielt, dass sich Frühstücken und Zusammenpacken auf das absolute Minimum einer Stunde reduziert hat. Zuerst führt der Weg über ein Schneefeld auf einen Pass, den Col Perdu. Von hier überblicken wir die Schlüsselstelle, einen engen, felsigen und äußerst steilen Kessel. Der Weg führt am Seil fast senkrecht hinunter in die Abgründe unter der Bocca Minuta und auf der anderen Seite noch steiler hinauf, wobei uns die Wucht der Felsmassive ringsum fast zu erdrücken droht. Gut markiert geht es aufwärts, wobei wir einige Kletterpassagen überwinden müssen, die aufgrund der sperrigen Rucksäcke kaum zu meistern sind. Weiter oben geraten wir auf Schotterfelder, die uns mehr rückwärts als vorwärts zur Bocca Minuta bringen. Vor uns tut sich ein überwältigender Blick in das wunderschöne Viru-Tal auf. Unterhalb der Paglia Orba, dem Matterhorn Korsikas, laufen wir durch idyllische Pinienwälder zur Bergerie Prugnoli, rasten ausgiebig - mit Bad - am Bach und kämpfen uns die letzten 600 Höhenmeter des Tages zur Bocca di Foghieghiallu. Die Mori-Hütte wäre der führermäßige Endpunkt des Tages. Wir steigen jedoch ab zu einer Felsformation in der Nähe der verfallenen Bergerie Tula. Hier gibt es den idealen Biwakplatz mit Windschutz und fließend Wasser. 4. Tag Nach einer ruhigen Nacht mit etwas Sprühregen geleitet uns die ersten
Wegstunden der Golo-Bach. Er entspringt in der Nähe der Bergerie und mündet
als einer der größten Flüsse Korsikas an der Ostküste ins Meer. Hier
oben bildet er viele einladende Badegumpen, doch wir widerstehen der
Versuchung. Denn mit 9 Stunden Gehzeit liegt heute die längste Strecke
vor uns. Auch während dieses Tages begleitet uns ein für Korsika
typisches Phänomen: Hinter jeder Wegbiegung und Bergkuppe sieht die
Gegend völlig anders aus, präsentiert sich in ihrer ganzen Schönheit
und Vielfalt. Hinter dem Bergerie-Gelände im Valdu Niellu, übersät mit
Wiesen- und Bergblumen, durchwandern wir Wald, wild und ursprünglich -
eben korsisch. 5. Tag Auch die fünfte Etappe beginnt früh. Durch ein wildromantisches Tal
geht es steil hinauf zur Brêche de Capitello, das letzte Stück durch
stark zerklüftetes Felsgelände und teilweise über Altschneefelder. In
der Scharte einer überwältigenden Aussicht haben wir eine Pause
verdient. Unter uns liegen die von vielen Postkarten bekannten und in
jedem Führer erwähnten drei kleinen Bergseen: Capitello-, Melo- und
Rinoso-See. Tiefblau blinken sie vor dem großen Schneefeld herauf, das
auf unserem Weiterweg liegt. 6. Tag An diesem Morgen sinkt beim Blick aus dem Zelt die Laune auf den
Nullpunkt. Nichts als Wolken, somit erledigt sich die Überlegung, hier
die alpine Variante zu gehen, von alleine. In einem nervigen Balanceakt
von Stein zu Stein geben wir die am Vortag so zäh erkämpfte Höhe wieder
auf und halten auf eine Bergerie im Tal zu. Ganze Wassermassen stürzen
auf uns herunter, trotz Regenkleidung sind wir in Kürze patschnaß. Der
freundliche Korse auf der Alm gewährt uns Unterschlupf. Da es sich
einzuregnen scheint, halten wir Krisensitzung, ob wir nicht lieber
abbrechen sollen. 7. Tag Beim morgentlichen Blick aus der Hütte schnellt das
Stimmungsbarometer nach oben - bestes Wetter, soweit das Auge reicht. Doch
damit hat es seine Tücken. Kaum sind wir auf der letzten Etappe der
ersten Hälfte des GR 20, ziehen Wolken auf, und wir wissen, dass wir bis
Mittag am Ziel sein müssen, wollen wir nicht naß werden. Auf diese
Tageszeit hat sich der tägliche Regenguss nämlich eingependelt. Wir
steigen also zügig zur Crête de Muratello auf, immer den Hund zwischen
den Beinen, der am Vortag mit einer Gruppe von Vizzavonna herübergekommen
ist und nun mit uns dorthin zurückläuft. 8. Tag – Ruhetag Der kleine Ferienort auf der Passhöhe zwischen Corte und Ajaccio
markiert die halbe Wegstrecke. Er ist idealer Rastplatz und bietet die
Chance, Vorräte zu ergänzen. Wir fahren dazu mit der uralten Inselbahn
(von einem deutschen Ingenieur gebaut) in den nächsten Ort. Nach
abenteuerlicher Fahrt, mit spektakulären Ausblicken in die
Vecchio-Schlucht bummeln wir durch Vivario und kaufen Wichtiges (Müsli)
und Entbehrtes (Schokolade, Kekse, Obst) für den zweiten Teil der
Durchquerung. Viele Trekker wählen Vizzavona auch als Ausgangspunkt, um
entweder nur den Nord- oder Südteil des GR 20 zu erwandern. |
|
|
|