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Sonderbericht zur Tour: Kleiner Daumen (2.197m)

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Ein Bericht vom Versuch, den Großen Daumen zu erreichen: 

Eine ganz andere Art von Bergtour sollte es diesmal werden. Mein Bergfreund Rainer und ich warten schon lange auf die Gelegenheit, die Mountainbikes bei einer Gipfeltour einzusetzen.

Wir entscheiden uns im Frühwinter für den Großen Daumen in den Allgäuer Alpen. Das Auto soll in Hinterstein bei Hindelang abgestellt werden. Von da wollen wir mit den Bikes auf der für Kfz gesperrten Straße zum Giebelhaus radeln und dort zur Schwarzenberghütte abzweigen, hier auf Schusters Rappen umsatteln und, vorbei am Engeratsgundsee, den Daumen besteigen. Soweit die Planung.
Wie immer, wenn es in die Berge geht, sind wir früh dran. Dementsprechend kalt ist es noch, als wir die Räder zusammenbauen und uns warm einpacken für die Fahrt ins Hintersteiner Tal. Vor uns liegt ein 9 km langes Teersträßchen entlang der Ostrach.

Kür und Akrobatik
Wir haben Mühe, uns mit dem Rucksack und den hinderlichen Bergklamotten an das Fahrgefühl zu gewöhnen. So richtig warm wird uns auch nicht, und so benötigen wir für die Strecke bis zum Giebelhaus, obwohl noch schneefrei, eine gute halbe Stunde.
Hier verläßt die Straße das flache Hintersteiner Tal zum Engeratsgundhof und führt im Wald bergauf. Nicht nur, daß es steiler wird, die Straße ist total schneebedeckt. Aufgrund der Schneelage müsseen wir zum ersten Mal von der Tourenplanung abweichen und kurzfristig umdisponieren. Wir verzichten auf die Auffahrt zur Schwarzenberghütte und steuern stattdessen den Engeratsgundhof an. Zum Glück sind Autospuren vorhanden, in denen wir uns mühsam vorwärtskurbeln. Immer wieder werden wir durch vereiste oder mit tieferem Schnee bedeckte Stellen gezwungen, uns auf einem Bein abgestützt weiterzuhangeln oder gar ganz zu schieben.
Wir setzen unseren Ehrgeiz daran, diese schwierige Passage möglichst stilvoll zu überbrücken, trotzdem lassen sich akrobatische Einlagen nicht vermeiden. Eine solche Kür wird natürlich vom Mitfahrer mit schadenfrohem Gelächter und ironischen Beifallsbezeugungen quittiert, nur um sich im nächsten Augenblick selbst Gleiches anhören zu müssen.

Zu Fuß auf falscher Fährte
Beim Engeratsgundhof stellen wir die Räder an einem Schuppen ab und vertauschen die Bikeschuhe mit den Bergstiefeln. Die Umstellung von Fahren auf Gehen ist nicht ganz einfach. So stolpern wir anfangs noch etwas unbeholfen durch den Schnee bergan. Doch bei strahlendem Sonnenschein nimmt man solche Kleinigkeiten gerne in Kauf.
Bald sind wir an der Käserhütte. Von dort geht es über die Gundleshütte meist in der Direttissima durch ungespurtes Gelände zum Engeratsgundsee. Er liegt zugefroren und tief verschneit vor der Kulisse des Großen und Kleinen Daumen. Noch ein steiler Anstieg, und wir erreichen über eine Scharte den Grat, von dem aus, so schien es zumindest, es kein Problem sein sollte, den Gipfel zu erreichen.
Wir lassen uns jedoch von vermeintlichen Pfadspuren irritieren, queren die Hänge oberhalb des Sees und wollen dann unterhalb des Gipfels auf einem großen Schneefeld Höhe gewinnen. Auf halbem Weg müssen wir einsehen, daß es so nicht geht. Wir klettern direkt zum Grat und hoffen, auf ihm entlang den Gipfel zu erreichen. Nur, bis wir endlich den Grat und damit auch den Hindelanger Klettersteig erreichen, sind ringsum Wolken aufgezogen. Zudem ist der Weg so stark zugeschneit, daß wir Bedenken wegen des erhöhten Risikos haben.

Letzter Halt ein Stein!
Wir wiegen Vor- und Nachteile ab und entscheiden uns wiederum, vom Plan abzuweichen. Eine Stunde vom Ziel entfernt, ist das nicht ganz leicht, aber, wie sich herausstellt, richtig. Der ansonsten sehr trittsichere Rainer überquert eine relativ harmlos aussehende Stelle, an der eine Felsplatte aus dem Schnee ragt. Der Schnee rutscht unter Rainers Fuß weg, Rainer hinterher. Er kann sich gerade noch auf den Bauch drehen und am Stein festklammern. Nochmal Glück gehabt!
Noch vorsichtiger als bisher bringenwir die letzten Meter bis zum kleineren der Daumengipfel hinter uns. Die Mittagspause verbringen wir in ganz besonderer Atmosphäre. Der 2.191 Meter hohe Gipfel wird immer wieder von kalten, nässenden Wolken eingehüllt, dazwischen wärmt uns der Sonnenschein. Wir geniessen den Kontrast zwischen blauem Himmel und wabernden Wolkenmassen bei einer leckeren Brotzeit und heißem Tee. Und dann wird uns ein einmaliges Schauspiel geboten: Wieder einmal kommt die Sonne durch und wirft den Schatten des Gipfelkreuzes auf die tieferliegende Wolkendecke, daneben die Schatten von uns beiden, und als Krönung wird das Ganze von einem Regenbogen umrahmt. Ein neuerlicher Beweis, wie unglaublich vielfältig das Erlebnis Berg sein kann.


Schlitterpartie zum Giebelhaus
Als der Himmel endgültig zuzieht, begeben wir uns eilig auf den Rückweg. Das ist leider nicht so einfach. Im Nebel mit etwa 100 Metern Sicht verlieren wir kurzzeitig die Orientierung. Nach recht planlosem Hin- und Herlaufen treffen wir glücklich auf die vom Herweg bekannte Scharte über dem Engeratsgundsee und fahren von dort mit Erleichterung auf unseren Sohlen im Schnee ab. Bald zeigen sich erneut ein paar Sonnenstrahlen, und übermütig jagen wir auf unserer Aufstiegsspur den Hang hinunter.
Unten satteln wir wieder auf unsere Räder um. Die Abfahrt zum Giebelhaus gestaltet sich zur Schlitterpartie. Trotzdem macht es Spaß, sich ein Rennen zu liefern. Prompt zieht es mir das Rad unter der Kehrseite weg, ich rutsche Richtung Abhang. Schnell rappele ich mich wieder auf, um Rainer keinen Anlaß zur Schadenfreude zu geben. Die restliche Fahrt vom Giebelhaus zum Parkplatz ist das reinste Vergnügen. Vor allem schaffen wir die Strecke in einem Bruchteil der Zeit, die es zu Fuß gedauert hätte.

Eingepackt in frische, trockene Kleider, beenden wir eine nicht ganz planmäßige, manchmal etwas riskante, aber dennoch - oder gerade deshalb - schöne und außergewöhnlicheBergtour bei einer Tasse Tee in Rainers warmer Stube.

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