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Revier-Porträt: Bike&Hike im Hintersteiner Tal

Bike&Hike in Oy  
Gespür für Schnee

Das abgeschiedene Hinterstein, früher „Hinderm Stain“, ist heute Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Wanderungen. Das Besondere an Hinterstein ist zum einen seine jahrhundertelange Isolation, was zu vielerlei eigenständigen Entwicklungen bei den Bewohnern geführt hat. Zum zweiten die ökologische Vorreiterrolle des Tales hinsichtlich Verkehrsführung, ökologischer Landwirtschaft und naturverträglichem Tourismus. Zum dritten sind es die landschaftlich schöne Einbettung in den langen Talgrund und die Vielfalt der möglichen Naturerlebnisse auf den Bergen ringsum. Der Reiz solcher Unternehmungen erhöht sich ungemein für Sportler mit „Gespür für Schnee“, die ihre Wander- und Bikerleidenschaft auf solche Jahreszeiten zu übertragen verstehen, in denen andere ihre Bikes winterfest verstaut und ihre Trekkingschuhe gegen Skistiefel vertauscht haben.

Wer heute von Hindelang und dem äußeren Ostrachtal kommend auf gepflegten Straßen und Wegen fährt oder wandert, wird sich kaum Gedanken darüber machen, dass es vor vielen Jahrhunderten gar nicht so einfach war, in das weltabgeschiedene Bergdorf zu gelangen. Einen Weg zu bauen entlang dem Flusslauf der Ostrach war wegen des felsigen Geländes eine Unmöglichkeit, Sprengstoff war damals noch nicht erfunden. So mussten die Wegebauer nach Möglichkeiten im Gelände suche, wo sie ohne Hindernisse einen Durchbruch oder Übergang fanden.

Als das Problem der Verkehrsanbindung endlich gelöst war, schildert ein Kalender von 1852 die besondere Lage des Tales so:
„Würde ein Fremder von Hindelang aus bei dunkler Nacht eine Stunde weit südlich geführt, und sähe er dann am frühen Morgen, wo er Umschau hält über den Ort seines Aufenthaltes, sich von allen Seiten eingeschlossen von sehr hohen Bergen, so könnte er leicht auf den Gedanken kommen, es wäre gestern bei seiner Wanderung an diesen Ort nicht mit rechten Dingen hergegangen; denn er weiß ja, daß er auf ganz ebener und gut gebahnter Straße gegangen, ohne eine Anhöhe zu ersteigen, und nun sieht er sich auf allen Seiten von mühevoll zu übersteigenden Gebirgen umstarrt.“

Durch die jahrhundertelange Isolation und abgeschiedene Lage ist es auch zu erklären, dass die Bewohner des Hintersteiner Tales sich ganz wesentlich von den gar nicht weit entfernten Hindelangern unterscheiden und auf die Unterschiede entschieden bestehen. So hat sich z.B. ihr Dialekt in eine ganz andere Richtung entwickelt, so dass er für Allgäuer schon schwer zu verstehen ist und für Auswärtige fast gar nicht. Die Hindelanger dagegen, am Fuß eines Passes wohnend, haben stark von den verschiedensten Kulturen der Durchreisenden profitiert, aber auch sie sind ein eigenes Völkchen mit Stolz auf Herkunft und Brauchtum.

Eine kleine Kostprobe des Hintersteiner Dialekts, der Beginn einer Geschichte, die die Heimatautorin Blanka Zettler, veröffentlich hat. Ihre Werke sind überall in den örtlichen Buchhandlungen erhältlich.

„Esl-expreß Hindrschtui – Sünthof und zruegg um 1900:
Mine Groaßeltre hend an Lade ghet im hinderschte Hinderschtui, direkt a Kappeles Schtaig. Kriegt hôt ba alls, was ba noateb brücht hôt: Sôlz, Meahl, Zucker, an Kochhaber, Güetsle und Leazealte, a Hennefüetter, an Schmutz, an Karbitt, an Freaßtabak und was no it alls. De meischt War hôt ba mieße z´Sünthof hole und drum hend de an kleine Esl koüft und a Wägele, wô züenem passt hôt. .... „

Wer verstanden hat, worum es geht, hat gute Chancen sich erfolgreich bei den Einwohner nach dem Weg erkundigen zu können.

Ursprünglich waren die Hintersteiner Siedler, die sich durch Rodung der Wälder den notwendigen Lebensraum und damit ihren Lebensunterhalt geschaffen haben. Jagd und Feldfruchtanbau haben die Einnahmen aus dem „Holz“ ergänzt. Zu Zeiten des Erzabbaus, noch heute kann am nahen Grünten ein Bergwerksstollen unter ortskundiger Führung besichtigt werden, haben sich die Verdienstmöglichkeiten vervielfacht. Eisenschmieden, Hammerschmieden und Salztransporte über´s Oberjoch sicherten den Lebensunterhalt. In Folge des Holzeinschlags fanden Kohlenbrenner und Fuhrleute Arbeit. Küfer, Wagner, Hufschmiede, Tuchmacher, Schreiner und Sattler siedelten sich außerdem an. Bergbau und Salztransport kamen jedoch bald zum Erliegen. Die neuen Erwerbszweige waren Viehzucht mit Alp- und Weidebetrieb und die Erzeugung von Milchprodukten. Die damit zusammenhängende Gestaltung und Pflege der Landschaft trug wesentlich zur Attraktivität der Region für Erholungssuchende bei.

Seit Einsetzen des Tourismus wuchsen auch die Bewohner von Hindelang und Hinterstein immer mehr zusammen. Was sich unter anderem im Öko-Modell der Region „Hindelang Natur&Kultur“ zeigt. Dabei geht es um die Erhaltung der reizvollen Natur- und Kulturlandschaft. Alle Kleinbauern der sechs Ostrachtaler Gemeinden werden seit Beginn der 90er Jahre finanziell und ideell unterstützt. Die Bauern konnten bis heute überleben, ganz im Gegensatz zum europaweiten Höfesterben, dem Trend zu Agrarfabriken. Diesen Bauern ist es auch zu verdanken, dass die traditionell bewirtschafteten Almen und Weiden bis in höchsten Lagen erhalten blieben.

Dass damit ein wesentlicher Beitrag zum Naturschutz geleistet wird und dass über die eigene Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse höchste Qualität für den Endverbraucher gewährleistet ist. Eine Maßnahme zum Naturschutz ist auch die Sperrung der Talstraße zum Giebelhaus für den öffentlichen Verkehr. Ganz im Interesse eines naturverträglichen Tourismus und zum Vorteil bergsportlicher Unternehmungen mit zentraler Basis in Hinterstein.

Die Sperrung hat sehr zur Ruhe im Tal beigetragen und die Voraussetzung für den Erhalt der abwechslungsreichen Alm- und Berglandschaft geschaffen. Von der Beschaulichkeit früherer Tage zeugt eine Schilderung mit viel Lokalkolorit aus bereits oben zitiertem Kalender: „Der Platz um die Kirche herum ist ein Weideplatz für das Vieh, wie das Kirchlein selber ein geistiger Weideplatz für die übrigen Einwohner des Thales ist. Es wäre aber nicht nothwendig, daß Beides gar so nahe beisammen sei. Ja oft will dies Beisammensein störend werden. Wenn nämlich die Andächtigen in der Kirche beten oder wenn der Prediger das Wort Gottes verkünden soll und die Kühe auf ihrem Weideplatze außer der Kirche mit ihren Glocken und Schellen einen Lärm machen, daß jeder kaum sein eigenes Wort versteht, da kommt einem freilich der Wunsch, es möchte dieses anders werden. Es ist aber auch schon vorgekommen, daß Kühe hineingegangen sind in die Kirche, aber gebetet haben sie nicht darinnen.“

Am Ende des langgezogenen Ortes liegt der Ausgangspunkt aller Touren, der große Wanderparkplatz. Wer weiter ins Tal vordringen will, muss sich auf Schusters Rappen schwingen, den Drahtesel besteigen oder den Bus zum Giebelhaus benutzen. Dies sind die Möglichkeiten zur regulären Wander- und Bikezeit. Viel mehr Erlebniswert hat der in Aussicht, der gerne in der ruhigen Zeit auf Tour geht. Dafür ist ein wenig Gespür für Schnee notwendig. Die meisten Touren sind bis in den Winter möglich, doch je nach Verhältnissen sollte man die Tourenplanung sensibel anpassen. Entweder bei den Wandertouren direkt um Hinterstein, oder auf den kombinierten Mountainbike- & Wander-Touren weiter hinten im Tal.

Zum Ende des Hintersteiner Klettersteiges: Eingehtour mit Erweiterungsoption
Der Breitenberg ist das Ziel der ersten Erkundungstour bei Hinterstein. Er liegt am Ende des Klettersteiges, normalerweise begeht man diesen vom Nebelhorn aus. Am Breitenberg befindet man sich zwar auf relativ geringer Höhe, jedoch bietet er einen hinreißenden Tiefblick nach Hindelang. Vom Parkplatz erreicht man nach wenigen hundert Metern auf der Straße zum Giebelhaus die Abzweigung zur Älpele Alp, Alpe Eck und eben zum Breitenberg. Die schöne, alte Holzbrücke über die Ostrach wurde beim großen Pfingsthochwasser 1998 von den Fluten weggerissen. Wie das bei den gründlichen Deutschen so üblich ist, hat man jetzt nicht gekleckert sondern geklotzt. Eine leicht überdimensionierte Hightechbrücke führt nun über den Fluss. Hier beginnt die eigentliche Wanderung. Zuerst durch herrlichen Mischwald, vor allem im Herbst ein Genuss, begleitet den Weg bis kurz vor die Älpele Alp. In der Hintersteiner Chronik wird sie nicht erwähnt, sie scheint noch relativ jung zu sein. Was man ihr aber nicht unbedingt ansieht. Nur eine ¼ Wegstunde entfernt liegt die Alpe Eck, sie stammt aus dem 15. Jahrhundert.

Der Weg führt weiter durch den lichten Bergwald zum Vorposten der Älpele Alpe, einer kleinen Hütte, wo wohl nur hin und wieder ein Hirte nächtigt. Im großen Bogen von links nach rechts nähert man sich dem Gipfelgrat, auf dessen äußeres rechtes Ende man sich zuerst zu bewegt. Eine kurze Einlage à la Wilhelm Tell, verlangt der Hohlweg gleich nach dem Überklettern einer kleinen Felsstufe. „Durch diese Hohle Gasse müsst Ihr gehen!“ Weiter Richtung Kesselgrund nähert man sich dem Revier eines riesigen Rudels Gämsen, das meist auch gut zu sehen ist. Bald erreicht man über einige steilere Kehren einen Einschnitt im Gipfelgrat. Hier hat man den versprochenen atemberaubenden Tiefblick auf Hinterstein, Hindelang, das Oberjoch etc. Nur noch wenige Meter bis zum Gipfel, der verdienten Brotzeit entgegen.

Das Gipfelkreuz markiert den Endpunkt des Hintersteiner Klettersteiges, dem man hier bei guter Schneelage ein Stück Richtung Nebelhorn folgen könnte. In leichter Kletterei erreicht man die Abzweigung zur Rotspitze. Von ihr führt der Weg im Steilabstieg in den Kessel (Häblesgund) zwischen Rotspitze und Breitenberg. Fast genauso steil wieder durch die Latschenhänge bergauf und ca. 2-3 Stunden später steht man erneut auf dem Breitenberg. Doch für diese Variante sollte man Gespür für Schnee beweisen, speziell im Bereich des Hindelanger Klettersteiges.

Den Abstieg auf gleicher Route kann man bei guter Kondition noch um einen Abstecher zur Alpe Eck variieren. Von der Älpele Alpe führt ein schöner Höhenweg hinüber auf die einsamen Matten. Die Alpe liegt so abseits der Gipfelroute, dass sich selten jemand dorthin verirrt. Unterhalb der Pfannenhölzer und der Mittagspitz führt der Abstieg im großen Bogen zurück bis kurz vor die Ostrach, wo man auf die Aufstiegsroute trifft und kurz darauf die Gelegenheit hat, sich bei einer Einkehr in einer der vielen kleinen Gaststätten Hintersteins, das Erlebte noch einmal vor dem geistigen Auge vorbei ziehen zu lassen.

Mit dieser Wanderung gut verbinden lässt sich ein Abstecher zum Kutschenmuseum. Es ist ein Museum der besonderen Art. Beim Betreten fühlt sich der Besucher in eine Zauberwelt versetzt. Der Erbauer schuf eine Welt, in der ländliches Brauchtum und Phantasie in gewolltem Kontrast verschmelzen. 15 liebevoll restautrierte Kutschen aus den letzten 300 Jahren erwarten den Besucher. Das Museum ist ganzjährig geöffnet, der Eintritt ist frei. Der Weg dorthin beginnt in der Nähe der Kapelle.

3 auf einen Streich
Alles abräumen was von Hinterstein aus nur geht. Die zwei Hausgipfel plus einen extra obendrauf, das bietet die große Rohnenpitze- Ponten-Bschießer-Tour. Sie ist fast bei jeder Schneelage zu machen. Lediglich auf dem Gratweg zur Rohnenspitze und im Osthang des Bschießer kann Trittsicherheit und Technik gefragt sein. Der Rest ist Kondition.

Gleich in der Nähe des Hintersteiner Parkplatzes, bei der kleinen Kapelle am Brunnen, biegt man auf den Wildfräuleinsteig ein. Zuerst einmal steil den Hang hinauf. Bald erreicht man den sehr schönen Höhenweg, der dann auch prompt in einer natürlichen Aussichtskanzel gipfelt. Fantastische Aussicht auf die Zacken des Hindelanger Klettersteigs bis rüber zum Hochvogel.

Auf den Grasflächen zwischen den einzelnen Bäumen findet man reihenweise Orchideen, vor allem die Weiße Waldhyazinthe. Und noch ein Highlight aus der Rubrik Flora und Fauna. Gelegentlich trifft man hier den Alpensalamander, der nur alle zwei bis vier Jahre zwei oder auch mal vier Junge lebend zur Welt bringt. Das ist der sicherste Weg, trotz der geringen Geburtenrate, zu überleben. Haben die kleinen einmal den Mutterleib verlassen schützen sie sich mit ihren Giftdrüsen und durch die nachtaktive Lebensweise.

Bald nach dem Aussichtspunkt erreicht man den Fuß eines größeren Felsens mit einigen höhlenartigen Verwitterungen, um die sich folgende Sage rankt.

Die Wildfräulein-Sage:
In dieser Höhle hausten vor Zeiten wilde Fräulein. Wie viel es Ihrer waren, kann man heute nicht mehr sagen, aber man weiß, dass zwei von ihnen Rezabell und Hurlahutsch hießen. So erschienen sie den Bergheuern und Sennen, waren freundlich gegen die Menschen, ja manchmal kamen sie bis nach Hinterstein in die Häuser. Einmal heiratete eines der Fräulein einen der Burschen aus dem Dorf, aber ausdrücklich unter der Bedingung, dass man ihr keinen Namen gebe. Denn, würde man zufällig ihren Wirklichen treffen, so müsste sie sogleich fortgehen. Der Bursche und das Fräulein lebten lange glücklich miteinander. Auch die Nachbarn hatten die fleißige Frau lieb. Eines Tages stand sie im Garten und wurmte das Kraut ab. Da kam ein anderes Weib des Weges, die rief über den Zaun: „Oh mei liabs Getrüdle, wia fresset dia Würmle deine Krütle.“ Da wurde das Fräulein leichenblass, fing an zu weinen und klagte bitterlich darüber, dass sie nun nicht mehr bleiben dürfe, da man sie bei ihrem richtigen Namen genannt hatte.


Was auch an der Geschichte tatsächlich dran sein mag, der Ort hat seinen ganz eigenen Zauber. Eine kurze Erkundung verbunden mit kleiner Brotzeit stärkt und motiviert für den Anstieg zur Willersalpe. Sie wurde übrigens im Jahr 1500 erbaut und ist bis heute bewirtschaftet.

Die Grasrinne hinter der Hütte führt direkt zum Zirleseck, wo der Gratweg zum Gaishorn beginnt, beziehungsweise der Abstieg ins Tannheimer Tal. Zur Rohnenspitze führt der Weg jedoch links auf einen Grat und dort rechts weiter an dem Hüttchen vorbei. Dessen Bank ist der ideale Ausguck auf die Gaishornnordseite.

Zurück von der Rohnenspitze folgt man dem weitgeschwungen Rücken, übersteigt den Ponten, um auf einem weiteren geschwungenen Rücken bis an den Fuß des Bschießer zu gelangen. Die steile Ostseite wird im Sommer mühelos über viele Serpentinen bezwungen. Bei Schnee verlangt der Aufstieg etwas Geschick. Auf dem rundrückigen Gipfel lässt sich der letzte Tropfen Tee in aller Ruhe genießen. 360°-Aussicht inklusive. Der jenseitige Abstieg führt über mäßig steile Schotterfelder auf die Weiden der Zipfelsalpe, die bald links unten zu sehen ist. Dort gibt es eine die Sinne betörende Käse-Brotzeit. Auf keine Fall daran vorbei gehen! Einkehr ist Pflicht.

Nach wenigen Metern Fahrweg beginnt in der Grassenke links unterhalb der Zipfelsteig über den der alte Kalender amüsant erzählt:
„Von der Zipfelsalme führt ein Fußsteig hinab nach Hinterstein, ein Fußsteig mit sieben und siebzehn Krümmungen. Da werden im Frühling die Pferde hinaufgeführt und das Rindvieh, sobald der Schnee auf den Almen weg ist, denn unter dem schmilzenden Schnee wächst schon die Weide für das Vieh, und neben den Schneehaufen sehen wir lieblich gründende Matten. Dieser Fußsteig führt auch hinüber in´s Thanheimerthal, das schon österreichisch ist, dessen Bewohner aber eben so gut wie die Hindelanger zu den Urallgäuern gehören. Da drüben sind sehr arme Leute, viel ärmer als die Hintersteiner, die im Ganzen genommen wohlhabend sind, d.h. bei ihrer Genügsamkeit und Sparsamkeit recht gut auskommen und selbst den Armen aus der Umgebung Almosen spenden können.“

Unterwegs könnte man zum Wasserfall abzweigen, ganz zauberhaft sind seine Reize im alten Kalender beschrieben: „Nächst dem Fußsteig stürzt der Zipfelbach in mehreren Absätzen von der Zipfelsalme herunter, und bildet ganz besonders im Mai und Juni, wo der Schnee auf den hohen Bergen schmilzt und bei andauerndem Regenwetter, einen herrlichen Wasserfall. Dieser gewaltig rauschende und tobende Wasserfall ist die erste Merkwürdigkeit Hintersteins. Wer ähnliches Rauschen nicht gewöhnt ist, der mag ihn am Tage wohl leiden und ergötzt sich an diesem Silberstrom mit Diamanten durchwoben; allein in der Nacht wünscht er den Wasserfall mit all seinem Silber und mit all seinen Diamanten über´s Meer hinüber; dahin, wo der Pfeffer wächst; denn er kann keinen Augenblick schlafen, bis er nach vielen schlaflosen Nächten es endlich lernt, neben dem Wasserfall zu schlafen.“ Wer könnte da widerstehen? Es ist nur ein kleiner Abstecher von ca. einer viertel Stunde.

Der restliche Rückweg führt oberhalb des Dorfes meist durch Wald zurück zur Kapelle, zum Parkplatz und zur Einkehr in eines der beschaulichen Gasthäuser.

Flexibilität gefragt: Erlebnisbericht Kleiner Daumen
Eine ganz andere Art von Bergtour sollte es diesmal werden. Mein Bergfreund Rainer und ich warteten schon lange auf die Gelegenheit, die Mountainbikes bei einer Gipfeltour einzusetzen.

Wir entscheiden uns im Frühwinter für den Großen Daumen in den Allgäuer Alpen. Das Auto soll in Hinterstein bei Hindelang abgestellt werden. Von da wollen wir mit den Bikes auf der für Kfz gesperrten Straße zum Giebelhaus radeln und dort zur Schwarzenberghütte abzweigen, hier auf Schusters Rappen umsatteln und, vorbei am Engeratsgundsee, den Daumen besteigen. Soweit die Planung.

Wie immer, wenn es in die Berge geht, sind wir früh dran. Dementsprechend kalt ist es noch, als wir die Räder zusammenbauen und uns warm einpacken für die Fahrt ins Hintersteiner Tal. Vor uns liegt ein 9 km langes Teersträßchen entlang der Ostrach.

Kür und Akrobatik

Wir setzen unseren Ehrgeiz daran, diese schwierige Passage möglichst stilvoll zu überbrücken, trotzdem lassen sich akrobatische Einlagen nicht vermeiden. Eine solche Kür wird natürlich vom Mitfahrer mit schadenfrohem Gelächter und ironischen Beifallsbezeugungen quittiert. Im nächsten Augenblick darf man sich Gleiches anhören.

Irrwege am Daumen
Beim Engeratsgundhof stellen wir die Räder an einem Schuppen ab und vertauschen die Mountainbikeschuhe mit den Bergstiefeln. Die Umstellung von Fahren auf Gehen ist nicht ganz einfach. So stolpern wir anfangs etwas unbeholfen durch den Schnee bergan. Doch bei strahlendem Sonnenschein nehmen wir solche Kleinigkeiten gerne in Kauf. Bald sind wir an der Käserhütte. Von dort geht es über die Gundleshütte meist in der Direttissima durch ungespurtes Gelände zum Engeratsgundsee. Er liegt zugefroren und tief verschneit vor der Kulisse des Großen und Kleinen Daumen. Noch ein steiler Anstieg, und wir erreichen über eine Scharte den Grat, von dem aus, so scheint es zumindest, es kein Problem sein sollte, den Gipfel zu erreichen.

Wir lassen uns jedoch von vermeintlichen Pfadspuren irritieren, queren die Hänge oberhalb des Sees und wollen dann unterhalb des Gipfels auf einem großen Schneefeld Höhe gewinnen. Auf halbem Weg müssen wir einsehen, dass es so nicht geht. Wir klettern direkt zum Grat und hoffen, auf ihm entlang den Gipfel zu erreichen. Nur, bis wir endlich den Grat und damit auch den Hindelanger Klettersteig erreichen, sind ringsum Wolken aufgezogen. Zudem ist der Weg so stark zugeschneit, dass wir Bedenken wegen des erhöhten Risikos haben.

Mit dem Kopf schon am Gipfel – die Füße verlieren den Halt!
Wir wiegen Vor- und Nachteile ab und entscheiden uns, wiederum vom Plan abzuweichen. Eine Stunde vom Ziel entfernt, ist das nicht ganz leicht, aber, wie sich herausstellt, richtig. Der ansonsten sehr trittsichere Rainer überquert eine relativ harmlos aussehende Stelle, an der eine Felsplatte aus dem Schnee ragt. Der Schnee rutscht unter Rainers Fuß weg, Rainer hinterher. Er kann sich gerade noch auf den Bauch drehen und am Stein festklammern. Nochmal Glück gehabt!

Noch vorsichtiger als bisher bringen wir die letzten Meter bis zum kleineren der Daumengipfel hinter uns. Die Mittagspause verbringen wir in ganz besonderer Atmosphäre. Der 2.191 Meter hohe Gipfel wird immer wieder von kalten, nässenden Wolken eingehüllt, dazwischen wärmt uns der Sonnenschein. Wir genießen den Kontrast zwischen blauem Himmel und wabernden Wolkenmassen bei einer leckeren Brotzeit und heißem Tee. Und dann wird uns ein einmaliges Schauspiel geboten: Wieder einmal kommt die Sonne durch und wirft den Schatten des Gipfelkreuzes auf die tieferliegende Wolkendecke, daneben die Schatten von uns beiden, und als Krönung wird das Ganze von einem Nebelbogen umrahmt. Das selten zu beobachtende Phänomen entsteht nur bei Hochnebel und klirrender Kälte. Die Eiskristalle des sich verflüchtigenden Nebels reflektieren das schräg einfallende Sonnenlicht. Ein neuerlicher Beweis, wie unglaublich vielfältig das Erlebnis Berg sein kann.

Rutsch- und Schlingerpartie zum Giebelhaus
Als der Himmel endgültig zuzieht, begeben wir uns eilig auf den Rückweg. Das ist leider nicht so einfach. Im Nebel mit etwa 100 Metern Sicht verlieren wir kurzzeitig die Orientierung. Nach recht planlosem Hin- und Herlaufen treffen wir glücklich auf die vom Herweg bekannte Scharte über dem Engeratsgundsee und fahren von dort mit Erleichterung auf unseren Sohlen im Schnee ab. Bald zeigen sich erneut ein paar Sonnenstrahlen, und übermütig jagen wir auf unserer Aufstiegsspur den Hang hinunter. Unten satteln wir wieder auf unsere Räder um. Die Abfahrt zum Giebelhaus gestaltet sich zur Schlitterpartie. Trotzdem macht es Spaß, sich ein Rennen zu liefern. Prompt zieht es mir das Rad unter der Kehrseite weg, ich rutsche Richtung Abhang. Schnell rappele ich mich wieder auf, um Rainer keinen Anlass zur Schadenfreude zu geben. Die restliche Fahrt vom Giebelhaus zum Parkplatz ist das reinste Vergnügen. Vor allem schaffen wir die Strecke in einem Bruchteil der Zeit, die es zu Fuß gedauert hätte. Eingepackt in frische, trockene Kleider, beenden wir eine nicht ganz planmäßige, manchmal etwas riskante, aber dennoch - oder gerade deshalb - schöne und außergewöhnliche Bergtour bei einer Tasse Tee in Rainers warmer Stube.

Gespür für Schnee braucht nicht nur Fräulein Smilla
Und nicht nur in Grönland lassen sich Geheimnisse lüften und Entdeckungen machen. Hinterstein kann und sollte jedem mindestens eine Reise wert sein. Viele Stammgäste bezeichnen die Region, als die schönste Deutschlands. Also ruhig mal den mondänen Ort Oberstdorf rechts liegen lassen und die Schätze entlang der Ostrach entdecken. Zu den Schätzen hinzu gewinnt der neue Erfahrungen, der sie in Zeiten des ersten oder letzten Schnees sucht.

Mit einem letzten Kalenderzitat ganz im Sinne des Autoren: Viel Spaß in Hinterstein!

„ Wir möchten noch Vieles erzählen von diesem Thälchen und dessen Fortsetzung bis an den Hochvogel hin; allein es würde zu viel werden für diesmal. Wir nehmen Abschied von diesen Bergen und seinen Bewohnern, in der sichern Hoffnung, sie werden es uns nicht übel nehmen, wenn wir von ihnen was erzählen mögen, was zur Ermunterung und Erheiterung dient.“

Anmerkung zu den Zitaten Die Zitate, alle kursiv markiert, sind original zitiert. D.h. „Rechtschreibfehler“ aus heutiger Sicht sind keine solchen, sondern entsprechen der Rechtschreibung der damaligen Zeit.

Bike&Hike Revier Oy/Allgäu
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Zusammenfassung der Revierdaten
Gebirge: Allgäuer Voralpen
Anreise nach Hinterstein:

Vom Autobahnende bei Oy-Mittelberg über das Oberjoch oder von Sonthofen nach Hindelang. Dort am Kreisverkehr nach Hinterstein abbiegen. Das Dorf immer geradeaus durchfahren bis zum großen gebührenpflichtigen Parkplatz.

Beste Jahreszeit: Frühjahr bis Herbst
Fremdenverkehrsamt:

Kurverwaltung Hindelang, Marktstraße 9, 87541 Hindelang/Oberallgäu, Tel. 08324/8920, Fax 8055, email: info@hindelang.net, internet: www.hindelang.net

Ausrüstung:

Trekkingschuhe, Stöcke. Im Winter eventuell Grödel für den Bschießer-Osthang und Steigeisen für den Hindelanger Klettersteig

Hütten::

Älpe Alpe, nicht bewirtschaftet
Willersalpe (1.459m): ganzjährig geöffnet, ab Dezember nur am Wochenende.
Zipfelsalpe (1.534m) nur während der Weidesaison bewirtschaftet, tolle Brotzeiten erhältlich
Schwarzenberghütte (1.380m): Anfang Mai bis Mitte Oktober, Übernachtung und Bewirtung, Reservierung postalisch an Schwarzenberghütte Hinterstein, 87541 Hinterstein oder Handy 0173-3927766
Giebelhaus (1.066m): meist November bis 24.Dezember geschlossen, keine Übernachtungen, 08324-8146

Karten: 1:50.000 Topografische Karte des Bay. Landesvermessungsamtes, Blatt Allgäuer Alpen
Literatur: AV-Führer Allgäuer Alpen, Bergverlag Rother München
Allgäuer Bergtouren von Herrmann Kornacher
E. Hüsler „Klettersteige in den Ostalpen“, Seite 54 Hindelanger Klettersteig
Bike-Guide Nr. 6 " Allgäuer Alpen", Delius Klasing Verlag
Unterkunft:

Ausführliches Unterkunftsverzeichnis kann bei der Kurverwaltung in Hindelang angefordert werden.

Bike&Hike Shops:

Radsport Rottach und Radial:
Grüntenstr. 23, 87527 Sonthofen Tel. 08321-26537
Bergsport Maxi, Maxi Klaus + Hubert Sauter:
Fischersteige 5, 87435 Kempten, Tel. 0831-5209557, Fax 0831-5209558
Email: bergsport-maxi@t-online.de
(komplettes Bergsportsortiment, kompetente Beratung, Super Stimmung)

Links zu den vorgestellten Touren: Breitenberg
Hinterstein-Trilogie
Kleiner Wilder
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